ICD-11-Verzeichnis
Das aktualisierte Diagnosesystem der WHO – mit Gegenüberstellung zur ICD-10 und Erklärung der Änderungen.
Was ist die ICD-11? Die ICD-11 ist die neueste Version des internationalen Klassifikationssystems der WHO. Sie bringt wichtige Neuerungen: neue Diagnosen (z.B. Komplexe PTBS, Gaming Disorder), ein dimensionales Persönlichkeitsmodell und vereinfachte Kriterien.
Autismus-Spektrum-Störung
Tiefgreifende Entwicklungsstörung mit Einschränkungen in sozialer Kommunikation, eingeschränkten Interessen und repetitiven Verhaltensweisen.
Asperger-Syndrom und frühkindlicher Autismus werden nicht mehr getrennt – alles fällt unter die Autismus-Spektrum-Störung.
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)
Ausgeprägte Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität, die in mindestens zwei Lebensbereichen beeinträchtigt.
Stärkere Anerkennung von ADHS im Erwachsenenalter. Neue Unterteilung in vorwiegend unaufmerksam, hyperaktiv-impulsiv oder kombiniert.
Schizophrenie
Schwere psychische Erkrankung mit Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Denkstörungen und beeinträchtigter Realitätswahrnehmung.
Subtypen der Schizophrenie (paranoid, katatonisch etc.) wurden abgeschafft. Stattdessen werden Symptome dimensional beschrieben.
Bipolare Typ-I-Störung
Erkrankung mit manischen Episoden (oft mit depressiven Phasen), die das Leben erheblich beeinträchtigen.
Klare Unterscheidung zwischen Bipolar Typ I (mit Manie) und Typ II (nur Hypomanie).
Bipolare Typ-II-Störung
Erkrankung mit hypomanischen Episoden (mildere Manie) und depressiven Phasen.
Neu als eigenständige Diagnose. War in ICD-10 nicht separat kodierbar.
Einzelne depressive Episode
Anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessenverlust und Energiemangel – ohne vorherige manische Phasen.
Schweregrade werden beibehalten. Neue Berücksichtigung von Angst als Zusatzmerkmal.
Rezidivierende depressive Störung
Immer wiederkehrende depressive Episoden ohne Manie.
Weitgehend unverändert gegenüber ICD-10.
Generalisierte Angststörung
Anhaltende übermäßige Sorgen und Angst, die schwer zu kontrollieren sind und das tägliche Leben beeinträchtigen.
Weitgehend unverändert. Diagnostische Schwelle leicht angepasst.
Panikstörung
Wiederkehrende unerwartete Panikattacken mit körperlichen Symptomen und anhaltender Angst vor weiteren Anfällen.
Panikstörung und Agoraphobie können jetzt gleichzeitig diagnostiziert werden.
Soziale Angststörung
Ausgeprägte Angst vor sozialen Situationen, in denen man beobachtet oder negativ bewertet werden könnte.
Umbenennung von 'Soziale Phobie' zu 'Soziale Angststörung'.
Zwangsstörung
Wiederkehrende Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen, die zeitaufwändig sind und erhebliches Leid verursachen.
Zwangsstörung hat eine eigene Kategorie bekommen (war in ICD-10 unter Angststörungen). Körperdysmorphe Störung und Horten als verwandte Diagnosen hinzugefügt.
Pathologisches Horten
Anhaltende Schwierigkeiten, Gegenstände wegzuwerfen, unabhängig vom tatsächlichen Wert – führt zu Chaos und Beeinträchtigung.
Komplett neue Diagnose in ICD-11. Gab es in ICD-10 nicht als eigenständige Störung.
Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
Anhaltende Traumafolgestörung nach einem schweren Ereignis mit Flashbacks, Albträumen und Vermeidungsverhalten.
Vereinfachte Diagnosekriterien: nur drei Kernmerkmale statt der breiten ICD-10-Kriterien.
Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS)
Schwere Traumafolgestörung nach langanhaltenden Traumata (z.B. Misshandlung) mit Störungen der Affektregulation, Selbstwahrnehmung und Beziehungen.
Komplett neue Diagnose in ICD-11. Bildet die Folgen von Langzeit-Traumatisierung (z.B. Kindesmisshandlung) besser ab.
Anpassungsstörung
Emotionale und verhaltensmäßige Probleme als Reaktion auf einen identifizierbaren Stressor.
Neu: Kernsymptom ist die Präokkupation (ständiges Grübeln über den Stressor).
Anhaltende Trauerstörung
Langanhaltende, beeinträchtigende Trauerreaktion, die deutlich über den erwarteten Zeitraum hinausgeht.
Komplett neue Diagnose in ICD-11 – Prolonged Grief Disorder. Anerkennt, dass Trauer krankhaft werden kann.
Anorexia nervosa
Eingeschränkte Nahrungsaufnahme, intensive Angst vor Gewichtszunahme und verzerrte Körperwahrnehmung.
BMI-Grenzwerte wurden flexibilisiert. Amenorrhoe (Ausbleiben der Periode) ist kein Pflichtkriterium mehr.
Bulimia nervosa
Wiederkehrende Essanfälle gefolgt von Maßnahmen zur Gewichtskontrolle.
Weitgehend unverändert.
Binge-Eating-Störung
Wiederkehrende Essanfälle ohne kompensierende Maßnahmen – führt zu erheblichem Leid.
Komplett neue eigenständige Diagnose. In ICD-10 nur als unspezifische Essstörung erfassbar.
Störungen durch Alkoholkonsum
Schädliches Konsummuster oder Abhängigkeit von Alkohol mit erheblichen Folgen für Gesundheit und Leben.
Neues Konzept 'schädliches Konsummuster' als Vorstufe zur Abhängigkeit.
Gaming Disorder (Computerspielsucht)
Anhaltende Störung des Spielverhaltens mit Kontrollverlust, zunehmender Priorisierung und Fortführung trotz negativer Folgen.
Komplett neue Diagnose in ICD-11. Kontrovers diskutiert, aber aufgenommen wegen klinischer Evidenz.
Persönlichkeitsstörung
Tiefgreifende Störung der Persönlichkeit mit beeinträchtigtem Selbstbild und Beziehungsproblemen – jetzt nach Schweregrad eingeteilt.
Radikale Neukonzeption: Statt 10 spezifischer Typen gibt es jetzt eine einzige Diagnose mit Schweregradabstufung (mild, moderat, schwer) und optionalen Trait-Qualifikatoren. Einzige Ausnahme: Borderline-Muster bleibt als Zusatzbezeichnung.
Borderline-Muster
Trait-Qualifikator bei Persönlichkeitsstörung mit intensiver Angst vor Verlassenwerden, instabilen Beziehungen, Impulsivität und emotionaler Instabilität.
Borderline wird als Trait-Qualifikator beibehalten, weil es klinisch besonders relevant ist.